Kurzgeschichte der Stadt Hameln

Ab dem 9.Jahrhundert sind Anfänge stadtähnlicher Niederlassungen nachweisbar.

Um das Jahr 850 wurde das Kloster Hameln als Fuldaer Missionsstation gegründet. Noch älter als diese mönchische Niederlassung muss eine dörfliche Siedlung gewesen sein,  die "villa Hamelon". Diese Annahme wird durch die Tatsache gestützt, dass im 9.Jahrhundert das Reichskloster Fulda im Zusammenhang mit der Gründung seiner Station an der Weser in diesem Dorf namhafte Besitzungen erworben hatte. Während die Lage dieses Dorfs bis heute noch nicht genau nachgewiesen werden konnte, ist die Stelle der ersten klösterlichen Niederlassung durch den in seinen  ältesten Teilen bis in das 9.Jahrhundert hinabreichenden Bau der Münsterkirche St. Bonifatius deutlich bezeichnet.

Die Geschichte des Klosters, das als Urzelle der Stadt Hameln angesehen werden kann und das wahrscheinlich bereits in der ersten Hälfte des 10.Jahrhundert in ein Kanonikerstift umgewandelt wurde, lässt sich nicht im einzelnen verfolgen, weil ein verheerender Brand im Jahre 1209 alte älteren Schriftquellen vernichtet hat. So konnten beispielsweise die Grenzen des Stiftsbezirkes gegenüber der späteren Marktsiedlung noch nicht genau festgestellt werden. Doch man darf annehmen, dass sich dieser Bezirk auf einer Fläche von ein bis zwei Hektar in einer verkehrsgünstigen und vor Hochwasser geschützten Lage am rechten Weserufer ausdehnte. 

 

Das Münster

In den Güterbestätigungen des Abtes von Fulda und des Papstes von 1209 und 1224 ist vom Zehnten die Rede, der von der " villa Hamelensis", von der Obermühle und anderen Gütern an das Stift zu leisten war. Demnach konnten Fulda und das Hamelner Stift ihre alten Rechte über das Dorf noch im 13. Jahrhundert behaupten, wenngleich auch die Bürgerschaft und die als Vögte eingesetzten Grafen von Everstein nach größeren Selbstständigkeit strebten.

 

Welfenherzog Albrecht


Spätestens im Laufe des 13. Jahrhunderts dürften Dorf Hameln, Stiftsbezirk und neue Marktsiedlung das Bild einer geschlossenen, zumindest aber zusammenhängenden Siedlung geboten haben. Das Jahr 1259 bedeutet einen Einschnitt in der Entwicklung Hamelns. In diesen Jahre kam es nämlich zu einem Kaufvertrag, dessen Gegenstand die Stadt und dessen Partner der Abt von Fulda sowie der Bischof von Minden waren: Gegen Zahlung von 500 Mark Silber war der Abt bereit, die Hoheitsrechte über Stadt und Stift an den Bischof zu verkaufen. Mit diesem Handel konnten die Bürger nicht einverstanden sein. Ihre im Laufe der Jahre nach und nach erreichte Unabhängigkeit war in Gefahr. Man war bereit, auch mit kriegerischem Einsatz um die gewonnenen Freiheiten zu kämpfen.

Die ehemalige Garnisonkirche und heutige Stadtsparkasse

Die "Mindener Fehde" wurde 1260 in der Schlacht bei Sedemünder zugunsten des Bischofs entschieden, die Hamelner Mannschaft vernichtet oder aber in Mindener Gefangenschaft geführt. Erst das Eingreifen des Welfenherzogs Albrecht von Braunschweig, dessen territoriale Politik auf Ausdehnung seines Machtbereiches bis an die Weser ausgerichtet war, korrigierte den Schicksalsschlag: Der unselige Vertrag wurde gelöst und Hameln welfische Landstadt, mit 2000 bis 2500 Einwohnern sogar eine der vier großen Städte der Braunschweig - Lüneburgischen Lande. Die Rechte und Freiheiten, für die die Hamelner Bürger zu Felde gezogen waren fielen ihnen wieder zu. 1277 bestätigte der Herzog urkundlich und feierlich eine Reihe wichtiger  Privilegien. Dies ist die Zeit, in der die Sage Hamelns wichtigstes Ereignis angesiedelt hat, durch das die Stadt weltbekannt geworden ist: den Auszug der 130 hämeIschen Kinder, 1284 "durch einen Pfeifer verführt und verloren", den unbekannten, buntgekleideten Fremdling, der später zum Rattenfänger wurde und seit Jahrhunderten untrennbar mit der Stadt Hameln verbunden ist (siehe auch "Die Sage vom Rattenfänger").

 

Hochzeitshaus und Marktkirche

Weserrenaissance

Die folgenden drei Jahrhunderten bedeuteten für die Stadt eine Zeit der ruhigen Entwicklung und des wachsenden Wohlstandes, die auch das Stadtbild prägte. Neben die inzwischen zur gotischen Halle umgebaute Münsterkirche war St. Nicolai als bürgerstolze Marktkirche getreten. Eine beträchtliche Anzahl bürgerlicher Steinhäuser wurde gebaut. Der größte Teil der mittelalterlichen Fachwerkbauten und Holzhäuser wurde durch Feuersbrünste zerstört. Aus dieser Not erwuchs jedoch die Möglichkeit der Neubauten, wie sie vor allen Dingen im 16. Jahrhundert als für Hameln und das Weserland charakteristisch entstanden: die Bauwerke der Weserrenaissance. Es war ein Jahrhundert wirtschaftlicher und kultureller Blüte, in dessen Mitte, 1540, auch die Reformation ihren Einzug hielt.

Selbst der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges ( 1618 ) bedeutete noch nicht das Ende dieser positiven Entwicklung. In einer Zeit, in der bereits viele Landstriche Deutschlands durch die Kriegseinwirkungen verödet waren, wurde hier noch repräsentativ gebaut. Erst ein Jahr nach der Fertigstellung des berühmten Hochzeitshauses, 1623, begann auch Hameln den furchtbaren Krieg zu spüren, und der Wohlstand schmolz dahin. Den jahrelangen Besetzungen durch feindliche Truppen folgten nicht minder drückende Einquartierungen von Landestruppen, die auch nach Kriegsende, als der Wiederaufbau der zerstörten oder beschädigten Häuser langsam in Angriff genommen werden konnte, nicht endete. Eine ständige Garnison von ungefähr 2000 Mann lag in der Stadt, zunächst in Bürgerhäusern untergebracht, dann in eigens erbauten Kasernen am Weserufer und am Thiewall.

 

Hameln um 1640

Ausbau zur Festungsstadt

Durch diese und andere Maßnahmen war die welfische Herrschaft ständig präsent. Ein landesherrlicher Beamter kontrollierte den Rat, dessen Rechte durch eine aufgezwungene Verfassung beträchtlich beschnitten war. Andererseits ging der Verlust an Freiheit nicht einher mit dem Verlust wirtschaftlicher Vorteile. Im Gegenteil: Eine Reihe von landesherrlich angeordneten Maßnahmen erwies sich als segensreich für die weitere Entwicklung der Stadt. 1690/91 wurden auf Landeskosten Hugenotten in Hameln angesiedelt, durch die neue Fabrikationszweige und -methoden, die "Manufakturen", für Wirtschaft und Handel den Aufschwung brachten. Auch die erheblichen Lasten für einen Brückenbau und die Einrichtung der ersten Schleuse übernahm das Land.

Neuen Niedergang brachte indes der Siebenjährige Krieg (1756-1763). Inzwischen war Hameln zur hannoverschen Landesfestung ausgebaut worden. Die Stadt war von einem mächtigen Gürtel von Verteidigungsanlagen umgeben, das jenseitige Ufer durch einen Brückenkopf gesichert und der Klüt, Hamelns Hausberg, durch Festungsbauten in das Verteidigungssystem miteinbezogen. Die Bergfestung wurde in einem zweiten Bauabschnitt (1771/84) noch so stark erweitert, dass sie als uneinnehmbares "Gibraltar des Nordens" galt. Sie reichte von höchsten Punkt des Klüt über den zur Weser hin in Stufen steil abfallenden Hang bis an die Straße hinunter, die den Zugang zur Brücke gewährte (siehe auch "Die Bergfestung" und "Die Stadtfestung").

 

Durch die militärische Ausgestaltung stark in ihrer wirtschaftlichen Betriebsamkeit gehindert, musste die Stadt während der Napoleonischen Kriege (1801-1813) weitere Einbußen hinnehmen. Nach der erzwungenen Abtretung Hannovers an Preußen war sie wiederholt wechselnder Schauplatz für die Auftritte feindlicher Truppen. Ernsthafte Versuche zu ihrer Verteidigung unternahm die so überstark befestigte Stadt jedoch nicht, sondern ergab sich kampflos - und wie damals lebhaft beklagt wurde: ruhmlos - den Franzosen schon bei der ersten Bedrohung.

 

Die Osterstrasse

Beginn der Industrialisierung

1808 wurde auf Befehl Napoleons die Festung Hameln geschleift. Dieses Edikt wurde so konsequent befolgt, dass Reste der ehemals so gewaltigen Anlagen in der Stadt und auf dem Berg nur noch bei Erdarbeiten oder Grabungen nachzuweisen sind. Lediglich zwei mittelalterliche Wehrtürme an der nördlichen Peripherie der Altstadt sind stumme Zeugen ehemaliger Befestigungen, die die Stadt sechs Jahrhunderte hindurch umschlossen und eingeengt hatten, so dass eine Erweiterung vollständig unmöglich war .

Die freigewordenen Festungsgelände konnten indessen erst 1850, nach langem Prozessieren, für die Bebauung gewonnen werden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wucherte nun rings um die alte Stadt Hameln eine neue Bebauung, deren weitgehend ungelenkte Entwicklung noch heute den Stadtplanern Schwierigkeiten bereitet.

Das Jahrhundert hatte sich aber auch schon als Sendbote des Industriezeitalters eingeführt. 1829/32 waren entsprechende Ansätze im Bereich der Papier und Textilherstellung zu verzeichnen, denen bald weitere Unternehmungen folgten. Mit derartigen Ansiedlungen wuchs auch der Bedarf an Verkehrsmöglichkeiten. Die Weser war seit alters her ein wichtiger Transportweg, auf dem zum Beispiel der Sandstein aus den Brüchen der Weserberge bis nach Bremen gebracht wurde, von wo aus er als "Bremer Steine" weitere Verbreitung fand. Aber auch für den sonstigen Güter- und Personenverkehr war die Weserschifffahrt, die in Hameln lange Zeit einen Hauptort hatte, von Bedeutung. Heute bedienen sich fast ausschließlich Ausflugs- und Sportschifffahrt dieses Wasserweges.

Der Weg über den Fluss wurde 1839 durch die Fertigstellung einer Kettenhängebrücke wesentlich erleichtert, und 1872 gewann die Stadt Anschluss an das Eisenbahnnetz mit der Eröffnung der Strecke Hannover - Hameln - Altenbeken.

Das Ende des Königreichs Hannover (1866) bescherte auch Hameln die preußische Herrschaft. 1867 wurde es selbständige Stadt in der neuen Provinz Hannover .

 

Beispielhafte Altstadtsanierung

Selbstverständlich haben die Weltkriege auch die Entwicklung der Stadt nachteilig beeinflusst. Doch hat sie im Gegensatz zu Nachbarstädten wie Hannover und Hildesheim den Bombenkrieg fast unversehrt überstanden. Durch den nun folgenden Zustrom von Vertriebenen und Flüchtlingen erhöhte sich die Einwohnerzahl von 32000 auf 52000. Heute zählt Hameln 59000 Einwohner und wurde im Rahmen der Gebietsreform als "große selbständige Stadt" dem Landkreis Hameln- Pyrmont eingegliedert, nachdem ihr zwölf ehemals selbständige Landgemeinden zugeordnet worden waren.

Einige Jahre zuvor hatte hier ein Unternehmen begonnen, das für viele Kommunen später Pilotprojekt, Vorbild oder Beispiel wurde: die Altstadtsanierung. Fast 700 Häuser aus verschiedenen historischen Epochen auf einer Fläche von 30 Hektar - die ganze Altstadt - bedurften dringend einer grundsätzlichen Sanierung. Die erforderlichen Maßnahmen wurden 1969/70 begonnen. Nach oft kontroversen Diskussionen und leidenschaftlichem Für und Wider ist der Erfolg der Sanierung heute nicht mehr zu bestreiten. Vor allem der großzügige Fußgängerbereich, der vom Münsterkirchhof über Bäckerstraße zum Pferdemarkt mit Nicolai-Kirche und Hochzeitshaus führt und dann die ganze Osterstraße mit Stiftsherrenhaus, Leisthaus und Rattenfängerhaus umfasst, zeigt das alte Hameln wieder von seiner schönsten Seite.

 
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