Der Stockhof

Der alte Stockhof 1713

Der Stockhof am Langen Wall

Die Strafanstalt in Hameln ist eine der ältesten in Deutschland, es wurde Festungsgefängnis, das Stockhaus oder auch Karrenanstalt genannt.

An den Kasernenbauten am Langen Wall schloss sich zur Fischpforte hin der erste Stockhof von 1698 an. Dort waren die Strafgefangenen untergebracht, die zum Festungsbau verurteilt wurden. Hameln wurde gleich nach dem Dreißigjährigen Krieg von Herzog Johann Friedrich zur großen Landesfestung Hannovers ausgebaut (siehe auch "Die Stadtfestung" und "Die Bergfestung"), und Strafgefangene hatten die Festungsbauarbeiten zu verrichten. An Schubkarren gekettet, wurden die Karrensträflinge zu Schanzarbeiten getrieben. Nachts wurden die Sträflinge in ihren Schlafhäusern an Pfosten angeschlossen, daher stammt der Name "Stockhof".

Im Jahre 1713 war der alte Stockhof so überfüllt mit Sträflingen, dass der Festungskommandant von Hameln, nach wiederholten Bitten in Hannover, von dort die Erlaubnis erhielt, vor den vorhandenen Stockhof einen neuen, unmittelbar an der Weser, zu bauen.

Das neue Stockhaus von 1713 war ein stattlicher, zweigeschossiger Bau mit hohem Mansardendach. Er diente auch noch als Gefängnis, als 1827 mit dem Bau des heute noch vorhandenen Stockhofs Weser aufwärts begonnen wurde. 1832 wurden der neue Teil an der Weser an den Kaufmann Georg Wessel verkauft. Der baute es zu einer Walkemühle aus, zuletzt war es Zollgebäude und wurden in den 80er Jahren des 19.Jahrhundert abgerissen. Der ältere Teil des Stockhofs wurde Wanderherberge.

 

Der neue Stockhof um 1845

Der Stockhof unter Bürgermeister Dohmeier

Nach 1808 gab es in Hameln keine Festung mehr, aber die Karrenstrafe wurde weiter vollstreckt und die Aufsicht hatte weiter der Garnison-Kommandant. Nach dem Freiheitskrieg übernahm  Johann-Georg Dohmeier, Bürgermeister von 1817 bis 1853, das Gefängnis. Er setzte in Hannover seine Pläne durch, den veralteten Karrenbetrieb durch eine Art Fabrik zu ersetzen. Durch eigene Hauswirtschaft mit Gärtnerei sollte sich die Anstalt selbst erhalten und die Gefangenen sollten zu produktiver Arbeit herangezogen werden. Er beseitigte die Tagelöhner im Aufsichtsdienst und schuf eine geschulte Beamtenschaft in Uniform, Staatsstellung und Pension. Außerdem schaffte er es auch, ein neues Stockhaus auf dem ehemaligen Festungsgelände zu errichten.

Bei den Bau der Fundamente hatte man große Probleme mit Grundwasser, denn das Gelände war der breite Stadtgraben der Stadtfestung und erst vor nicht einmal ganz 20 Jahren aufgefüllt worden. 1827 wurde das Hauptgebäude errichtet, 1830 daneben das Krankenhaus und das Verwaltungsgebäude. 1832 wurde das Torgebäude erbaut und 1834 umgebaut und mit zwei Anbauten versehen. In den Jahren 1838 bis 1843 wurden die Seitenflügel des Hauptgebäudes dreigeschossig erbaut und die Kirche errichtet. 1861 erhielten die Strafanstalt als erstes öffentliches Gebäude eine Gasbeleuchtung. Als 1860 die Einzelhaft eingeführt war, wurde 1862 mit dem Neubau des hohen Zellenflügels begonnen, gleichzeitig entstanden der zweigeschossige Verbindungsbau und 1864 eine Erhöhnung der Kirche. In den Jahren 1864 bis 1866 entstand der Neubau der Direktorenwohnung Ecke Münstertorwall und Mühlenstraße. Weiterhin wurden 1873 noch Hausmeister- und Werksmeisterwohnungen erbaut. Hinter den Mauern entstanden 1881 eingeschossige Arbeitsschuppen, weitere Arbeitsbaracken 1897. 1926 wurde elektrisches Licht gelegt, 1927 die Bäckerei errichtet.

 

Der Stockhof in der NS Zeit

Der Stockhof in der NS-Zeit

1933 waren 532 "gewöhnliche" Kriminelle inhaftiert, die in einem Tütenklebesaal, einer Pantoffelmacherei, einer Schneiderei, einem Holzhof, der Gärtnerei und auch in nahegelegenen Fabriken. Ab Februar1933 werden politische Gefangene eingeliefert, einige Kommunisten und vor allem Sozialdemokraten aus Hannover und Umgebung. Beide Gruppen haben sich in den Jahren der Weimarer Republik erbittert bekämpft, doch die gemeinsame Haft führt sie zusammen. Untergebracht sind die "Politischen" zunächst in strenger Einzelhaft im Zellenbau. Nachts müssen sie z.B. wegen Fluchtgefahr die Kleider herauslegen.

Ab 1.November 1935 wurde das Hamelner Gefängnis zum Zuchthaus und die Außenmauern erhöht. Die Dauer der Strafen, die die nationalsozisalische Justiz verhängte, hatte sich erheblich verlängert.

Mit dem Beginn des Krieges, Ende 1939, und der Anwesenheit von "Fremdarbeitern" änderte sich die Zusammensetzung der Häftlinge weitgehend: "Kriegswirtschaftsverbrecher" z.B. Schwarzschlächter und Devisenschieber ; Sittlichkeitsverbrecher, viele Homosexuelle - darunter viele Nazis, die als Jugendführer oder Ähnlichen gearbeitet hatten ; wegen "Rassenschande" bzw. "Blutschande" und "Verbrechen gegen die deutsche Ehre" Verurteilte ; Fahnenflüchtige, die wegen geringfügiger Urlaubsüberschreitungen Zuchthausstrafen erhalten hatten ; wegen "Wehrkraftzersetzung" (wer am "Endsieg" zweifelte) oder "Heimtücke" Verurteilte ; wer Delikte unter Ausnutzung der Verdunkelung begangen hatte oder wegen Plünderung nach Luftangriffen gefasst worden war.

Wegen des Arbeitskräftemangels werden die Häftlinge am Anfang viel zu Außenarbeiten, besonders in der Landwirtschaft und beim Gleisbau eingesetzt.

 

Das um 1866 erbaute Zellengebäude

1942 beginnt die Rüstungsproduktion im Zuchthaus und außerhalb, dadurch verschlechtern sich die Bedingungen nicht unerheblich. Allein 100 Mann arbeiten in der DOMAG, andere in der Eisengießerei Concordia, der Waggonfabrik Kaminsky und der Teppichfabrik Mertens (fertigten im Krieg Flugzeugteile). In Holzen bei Eschershausen entsteht ein Außenlager des Zuchthauses mit ca. 280 Insassen, dort sollen in Asphaltstollen unter Tage mehrere Rüstungsbetriebe entstehen. Das Projekt hat den Tarnnamen "Hecht". "Rüstungsgefangene" sind von den jetzt sogar im Zuchthaus beginnen Musterungen verschont. Am 15.Juni 1944 wird das Zuchthaus im Rahmen der totalen Kriegsführung zum Rüstungsbetrieb erklärt. Für die Häftlinge bedeutet das Schreibverbot. Gleichzeitig verschlechtert sich die Ernährungslage, Epidemien gehen um und die ersten Todesfälle treten auf.

1944 werden in mehreren Schüben ca. 200 sogenannte "Nacht- und Nebelgefangene" aus den Niederlanden, Frankreich und Belgien eingeliefert. Diese verhafteten Widerstandskämpfer sollten heimlich, bei "Nacht und Nebel", nach Deutschland deportiert, dort an einem geheimen Ort inhaftiert und unter Ausschluss der Öffentlichkeit verurteilt werden.

Im Herbst 1944 wird die Situation immer schlimmer! Frontnahe Zuchthäuser im Westen und Osten werden evakuiert. Hameln wird ein Art "Durchgangslager", Häftlingsgruppen treffen ein und andere Gruppen verlassen das Zuchthaus. Ein ständiges Kommen und Gehen in einen total überbelegten Gebäudekomplex, in dem Wanzen, Läuse und Typhus das Leben zusätzlich unerträglich machten. Anfang 1945 ist das Zuchthaus mit 1350 Insassen total überbelegt, pro Einzelzelle liegen 3 - 4 Häftlinge auf 5 bzw. 8 qm.  Musterungskommissionen der Wehrmacht mustern bei ihren jetzt häufigen Erscheinen auch Gewohnheitsverbrecher für Wehrmacht- und Volkssturmeinheiten.

Anfang April rückt die Front auch auf Hameln zu. Die Transportfähigen sind abtransportiert, zurück blieben ca.800 Übriggebliebene und Kranke. In der Nacht zum 5.April, einen Donnerstag, werden zwischen 2:00 und 3:00 Uhr die Weserbrücken gesprengt. Die Amerikaner haben Stellung auf der anderen Weserseite bezogen und bei Anbruch der Dämmerung beginnt der Beschuss der Stadt.

Im Zuchthaus werden die übriggebliebenen Insassen im Hof zusammengerufen. Ein großer Teil wird auf den sogenannten 45 km langen Todesmarsch Richtung Holzen geschickt. Wie viele Personen genau auf den Marsch gingen ist ungewiss, man schätzt 400. Wie viele umkamen oder flüchten konnten ist auch nicht geklärt. Gewiss ist ,dass einige, die nicht mehr weiter konnten oder flüchten wollten, erschossen am Wege lagen.

Die ca.400 Zurückgebliebenen im Zuchthaus mussten zurück auf ihre Zellen. Nachdem das Zuchthaus am Freitag mehrere Treffer erhält und es offenbar auch Tote und Verletzte unter den Häftlingen gegeben hatte, mussten die Insassen sich im Keller verkriechen.

Zwei Tage wird die Stadt beschossen. Am Samstag, den 7.April, um 7:00 Uhr verlässt die Wehrmacht die Stadt, um 10:00 Uhr waren die Amerikaner da.

Im Januar 1945 sterben 17, im Februar 21 und im März 41 Häftlinge. Ab Januar sterben insgesamt 172 Häftlinge, davon 55 nach der Befreiung durch die amerikanischen Truppen. Im Zeitraum vom 1.9.1939 - 31.8.1945 werden 305 Todesfälle registriert.

Gauleiter Lauterbach soll den Zuchthausleiter Stöhr den Befehl erteilt haben, kurz vor Einmarsch der Amerikaner die ausländischen Gefangenen zu erschießen. Doch er weigerte sich dies zu tun. Danach kam der Befehl sie zu vergiften. Doch Stöhr schickte sie stattdessen auf den Marsch nach Holzen.

 

Die Strafanstalt um 1960

Der Stockhof unter britischer Militärregierung

In der Zeit von 1945 bis 1949 wurden nach der Liste des britischen Henkers Albert Pierrepoint im Zuchthaus 202 Personen durch den Strang hingerichtet. 156 Kriegsverbrecher, 44 Personen die wegen Verstöße gegen das Besatzungsrecht verurteilt wurden und 2 britische Soldaten.

Unter den Kriegsverbrechern waren unter anderen die Wachmannschaft des Konzentrationslager Bergen-Belsen. Die meisten hatten sich in den vielen Lagern schuldig gemacht, oder wurden wegen Lynchjustiz oder Misshandlung von Zivilpersonen, Kriegsgefangenen oder alliierter Luftstreitkräfte in Deutschland oder den besetzten Gebieten verurteilt. Außerdem gab es Verurteilungen wegen Giftgaslieferungen an verschiedene Konzentrationslager.

Von den 44 Personen die wegen Verstöße gegen das Besatzungsrecht verurteilt wurden, waren 42 ehemalige Zwangsarbeiter, meist aus Osteuropa, die sich des Mordes, bewaffnete Raubüberfälle, Diebstahl, Trunkenheit u.s.w schuldig gemacht hatten.

Der Stockhof im Bundesland Niedersachsen

Am 15.Februar 1955 beschließt die Niedersächsische Landesregierung die Auflösung des Zuchthauses Hameln. Die 500 Insassenwerden im Frühsommer nach Celle verlegt.

Ab 1.Oktober 1958 wird das ehemalige Zuchthaus zu einer Jugendstrafanstalt.

1980 bekommt Hameln eine neue Jugendstrafanstalt in Tündern, der Stockhof steht nun leer.

1986 werden der Zellenbau sowie der West- und Ostflügel abgerissen.

1992 wird das Gelände zu einen 4 Sterne Hotel umgebaut, das im August 1993 als "Hotel Stadt Hameln" eröffnet wird.  

 
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