Die Grenzbeziehung

Ein Volksfest eigener Art und von durchaus bodenständigem Charakter ist die Hamelner Grenzbeziehung. In jedem Herbst, für gewöhnlich am letzten Samstag im September, bis vor kurzen immer am ersten Freitag des Oktober, findet sie statt und hält vom frühen Morgen an bis in den Abend hinein die gesamte traditionsbewusste Bürgerschaft in Atem, auch die Frauen, obwohl nur der männliche Teil der Bevölkerung aktiv an ihr teilnahmeberechtigt war, auch dies ist seit einiger Zeit anders. Anders natürlich als früher, als die Grenzbeziehung noch kein Fest, sondern eine Pflicht war und die Frauen um ihre Männer bangten und sich sorgten, ob sie auch von dem nicht immer ungefährlichen Gang draußen an der Stadtgemarkungsgrenze entlang ohne blutige Köpfe heimkehren

Auf ihre heutige Art, ein Volksfest zu sein, blickt die Grenzbeziehung schon ca.250 Jahre zurück. Wie viel Jahrhunderte darüber hinaus sie lebenswichtiger Bestandteil der allgemeinen Bürgerpflichten und des Bürgerlebens war, vermag man nicht zu sagen. Doch ist damit zu rechnen, dass die Anfänge ihrer Entstehung mit der Stadtwerdung in engem Zusammenhang stehen.

Im 8. Jahrhundert, als der Frankenkaiser den Sachsen das Christentum und die Unterwerfung brachte, ist das kleine Fischerdorf Hameln schon da. Im 10. Jh., also vor rund tausend Jahren, hat der Ort dank seiner günstigen Lage am Weserübergang die benachbarten Orte in der Talaue an Bedeutung weit überflügelt. Ende des 12. Jh., als die Urkunden erstmalig von der STADT Hameln sprechen, ist diese aus dem Talauenverband der Markgenossen längst ausgeschieden und übt im nächsten Jahrhundert eine immer stärker sichtbar werdende Saugkraft auf die umliegenden Ortschaften aus. Von mindestens zehn Ortschaften weiß man, dass sie in dieser Zeit ihre Dorfstätten aufgegeben, sich in der umwehrten Stadt angesiedelt haben und ihre Feldmark und ihren Anteil am allgemeinen Wald eingebracht haben. Von der Stadt aus beackern sie ihre Äcker weiter wie bisher, von der Stadt aus treiben sie ihr Weidevieh in die bisherigen Waldanteile und nutzen sie auch den Wald nach gewohnter Weise weiterhin für ihre Bedürfnisse. Aus dem Anfange des 14. Jh. liegt eine städtische Hudeordnung vor, die fünf nach den Stadttoren benannte Huden aufzählt und dabei die wichtigsten der in der Stadt aufgegangenen Orte nennt. Fortan schützt die Stadt nicht nur die Wohnstätten ihrer Alt- und Neubürger hinter den Stadtmauern, sondern auch ihren Feldmark- und Waldanteil weit draußen hinter einer zweiten Wehr, den sogenannten Landwehren oder Knicks. Das waren keine Mauern, sondern mehrere Meter breite Bodenaufschüttungen mit Dornenhecken, die undurchdringlich fest und wild ineinander verwachsen waren. In den Hamelner Wäldern sind diese Bodenaufschüttungen heute vielfach noch recht deutlich zu erkennen. In der Feldmark waren die Landwehren nur da unterbrochen, wo die aus der Stadt führenden Landstraßen das Weichbild der Stadt verließen. An diesen Stellen sicherte man den Zugang zur Stadt noch besonders wieder durch die noch heute vorhandenen oder zumindest dem Namen nach bekannten Warten, in denen ständig ein Wartmann wohnte, zu dessen persönlichem Schutz bei jeder Warte ein starker, aus Steinen gebauter Wartturm stand (siehe auch die Seite "Die Landwehr").

Wie auf den großen mittelalterlichen Burgen der äußere Burghof vom inneren durch einen zweiten Mauerring getrennt war, so waren also auch die Städte damals oft genug doppelt umwallt: ein Mauerring schloss die eigentliche Stadt ein, und die Landwehren grenzten den Feld- und Waldbesitz, das sogenannte Weichbild, gegen die umliegenden Markgenossenschaften ab. Beide Umwallungen dienten zunächst der Verteidigung. Deshalb standen auch die äußeren Landwehren durchaus nicht immer genau auf der Grenze, und besonders in den Wäldern verliefen sie oft genug nach rein strategischen Gesichtspunkten. In der Frühzeit gab es genau genommen auch noch gar keine eigentlichen Grenzlinien in den Wäldern, sondern der Wald in der Gesamtheit galt als Grenzgebiet zwischen den einzelnen angrenzenden Markgenossen, für die als Anlieger er von den verschiedenen Seiten her als Nutzungsgebiet für mancherlei Rechte wie Holzung, Hude, Mast und Jagd in Betracht kam. Es blieb nicht aus, dass oft genug sich diese Rechte räumlich überschnitten und dann an keine bestimmten Abgrenzungen gebunden waren. Wo aber bestimmte Rechte, wie zumeist die Hude, bald genau abgegrenzt wurden, traten die Grenzbezieher erstmalig in ihre kontrollierende Aufgabe ein. Ganz selbstverständlich dienten so die ersten Hudeordnungen der Stadt Hameln nicht nur dem Frieden der Bürger innerhalb der Stadt bei den Hudezuteilungen, sondern auch der rechtlichen Abgrenzung gegenüber den Markgenossenschaften, die es vorgezogen hatten, nicht in die Stadt einzuwandern, sondern Nachbarn der großgewordenen Stadt zu bleiben. Daß Neid und Not sie manchmal dazu verleiteten, am Wohlstand des großen Nachbarn sich heimlich zu beteiligen, lag nahe; aber die Städter hatten ein wachsames Auge darauf.

Als in der beginnenden Neuzeit mit dem 16. und 17. Jahrhundert die mauerbrechenden Feuerwaffen sich mehr und mehr durchsetzten, verloren die äußeren Verteidigungslinien der Stadt, die Landwehren, schnell an strategischer Bedeutung, und die gesamte Verteidigungskraft der Stadt ballte sich mit modernen Festungsanlagen rund um das Kerngebiet der Stadt, wo unter Miteinbeziehung der alten Mauern und Wälle ein ganzes Festungswerk entstand. Als mit dieser Entwicklung die Instandhaltung der Hecken, Knicks, Landwehren, Grenzgräben und Warten weniger belangreich wurde, begann dafür der Verlauf dieser ehemaligen Verteidigungsanlagen als Abgrenzung des wechselseitigen Besitzes um so interessanter zu werden. Die erstarkende Fürstenmacht vor allem, die alle unklaren Rechtsverhältnisse für sich ausnutzte, machte als Gegenmaßnahme seitens der Stadt gebieterisch die genaue Festsetzung und Formulierung all ihrer Rechtsansprüche erforderlich. In dieser Zeit gewinnt die genaue Absteckung der Grenzen mit Grenzsteinen, Steinhaufen, Malbäumen, langgestreckten Erdwällen usw., ferner die juristisch formulierte Grenzbeschreibung erhöhte Bedeutung. Besondere Schwierigkeiten boten dabei die Auseinandersetzungen über die oben erwähnten, vielfach ineinander verzahnten Nutzungs- rechte in den Wäldern, über deren Klärung es nun häufig zu erbitterten Kämpfen und endlosen Prozessen kam. Die Geschichte Hamelns weiß zur Genüge über derartige Streitigkeiten zu berichten. Mit dem Amte Springe ist über ein Jahrhundert lang der Kampf über die Aufteilung der Ostermark gegangen, der als Entschädigung für die Aufgabe der Rechte der Stadt am Süntel ihr schließlich den nahezu alleinigen Besitz des Schweineberges einbrachte. Mit dem Amte Lachern stritt man noch erbitterter und handgreiflicher um die Grenzziehung im Raume der ehemaligen Holzmeisterei Büren. Mit dem Amte Aerzen wurde der Streit um den Besitz des Riepen geführt, der erst im vorigen Jahrhundert zum Abschluss gebracht werden konnte. Eifersüchtig wachten im 16., 17. und 18. Jahrhundert Stadtväter und Bürgerschaft über jeden Fußbreit Boden und jeden einzelnen Baum, der im strittigen Gebiet lag; und jede Grenzübertretung und Befugnisüberschreitung konnte Veranlassung zu endlosen Auseinandersetzungen werden. Gelegentlich gewinnt man den Eindruck, dass von der einen oder anderen Seite "Grenzfälle" geradezu provoziert wurden, um einen noch nicht zur vollen Zufriedenheit bereinigten Anspruch wieder und wieder ins Rollen zu bringen.

In dieser von Streitlust geladenen Atmosphäre im Ringen der stadteigenen Ansprüche mit den gegen sie anlaufenden landesherrschaftlichen Ämtern und den benachbarten Dörfern als ihren Vorposten blühten die Grenzbeziehungen auf, deren damalige hohe Bedeutung für die Bürgerschaft in ihrer bis auf den heutigen Tag fortgetragenen Tradition widerhallt. Anfänglich waren es sicherlich nur die nächstbeteiligten Forstknechte und Forstaufseher, die Wartmänner und die der Bürgerschaft verantwortlichen Vorsteher und Lohnherren der Huden und Handwerksämter, die die Grenze begingen. Bei ihrer Grenzbeziehung handelte es sich weniger um die Prüfung der richtigen Grenzfestsetzung und Grenzbeibehaltung, als vielmehr darum, ob die Grenzsteine von der Nachbargemeinde nicht umgestürzt und verschleppt oder die Malzeichen an den Bäumen nicht ruiniert waren, ob im Herbst zur Zeit der Eichelmast jeder mit dem ausgetriebenen Vieh auf seinem Gebiete blieb und ob die Hirten mit ihren Herden vor feindlichen Angriffen gesichert waren. Waren an irgend einer Stelle der Grenze Übergriffe der Nachbarn als üblich bekannt, dann Rottete man haufenweise Männer zusammen und zog zur unvermuteten Auseinandersetzung an die Grenze und verabreichte den erwischten Übeltätern die Denkzettel an Ort und Stelle. In anderen Fällen wieder teilte man der betreffenden Nachbarschaft, auf die es abgesehen war, ganz offiziell die Grenzbeziehung mit und überließ es ihr, ob sie zur friedlichen oder streithaften Auseinandersetzung sich einstellen wollte oder nicht. Nachbarliche Grenzbeziehungen hatten meistens eigene zur Folge. Dann wieder schickte man junge Männer hinaus, dass sie zur Aufbesserung des Waldes und für sich selber zur besseren Einprägung der Grenzen regelmäßig junge Eichen und Buchen an der Grenze setzten. Es ist überliefert, aber nicht erwiesen, dass das Bürgerrecht in der Stadt erst dann verliehen wurde, wenn der Antragsteller die Gesamtheit der Grenzen mitbezogen hatte, nach dem heutigen Turnus frühestens nach vier Jahren.

Mehr und mehr kam im 16. und 17. Jahrhundert Regelmäßigkeit und System in die Grenzbeziehungen, an denen sich die in Bürger- und Schützenkompanien eingeteilte junge Mannschaft der Stadt neben den offiziellen Vertretern der Stadt beteiligte. Als aber in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts die zur Landesfestung erhobene Stadt ihre Selbständigkeit gegenüber der Landesherrschaft einbüßen musste, die Schützenkompanien durch die Anwesenheit einer ständigen Garnison ihrer eigentlichen Bedeutung verloren gingen und die bürgerlichen Freischießen der Regierung in Hannover missliebig geworden waren, verwandelte sich das Bild der Grenzbeziehungen bald zu dem, was uns heute noch geläufig ist: die Grenzbeziehung wurde zu einem Volksfest, die seit 1717 ganz offiziell an die Stelle der bisherigen Schützenfeste trat.

 

Grenzbeziehungs-Routen A (Route 2017) und B (Route 2018)

Der Erfolg der Lohnherren und Vorsteher, bei der Regierung in Hannover durchzusetzen, dass ihnen die regelmäßige Abhaltung der Grenzbeziehung gestattet wurde und der Herr Stadtschulze, der Bürgermeister und der Rat der Stadt unterm 20. April 1717 angehalten wurden, sich darauf einzurichten und "danach zu halten", hat wohl in besonderem Maße dazu beigetragen, dass die Grenzbeziehung heute noch lebt. Städtische Gelder, die bis dahin für die Freischießen zur Verfügung standen, wurden zur Durchführung der Grenzbeziehung umgesetzt und auch noch beträchtlich erhöht. Die Unkosten entstanden damals wie heute in erster Linie durch die großen Vesper auf den Warten, die erheblich größer und anhaltender gewesen zu sein scheinen als die heutigen, da in einer Mitteilung aus dem Jahre 1721 verlautet, dass die zur Verfügung gewesenen Gelder erst in zwei Tagen auf der Afferdschen Warte verzehrt worden seien.

Die Grenzbeziehung wurde von 1717 an alle zwei Jahre veranstaltet, erst von 1786 an scheint die jährliche Durchführung zur Regel geworden zu sein. Gelegentlich sind die Grenzbeziehungen auch ausgefallen; zeitweilig hat wohl kein Verlangen danach bestanden (1737 und 1741), zu andern Zeiten haben die Sorgen und Nöte der Zeit es nicht dazu kommen lassen (1794 infolge der Auswirkungen der französischen Revolutionsbewegung im Lande). Besonders ungünstig haben sich immer die Kriegszeiten auf sie ausgewirkt. Man weiß, dass während der beiden Weltkriege die Grenzbeziehungen ausgefallen und erst langsam wieder in Gang gekommen sind (1924 und 1948). Ebenso setzten sie auch während des Siebenjährigen Krieges aus, und zur Zeit der Französischen Revolution und Fremdherrschaft fanden sie nur 1803 noch und 1810 statt. Auch im Revolutionsjahr 1848 und im Kriegsjahr 1870 gab es keine Grenzbeziehungen.

 

Grenzbeziehungs-Routen C (Route 2015, die 310. Grenzbeziehung) und D (Route 2016)

is zum Jahre 1928 war die Stadt immer die Trägerin der Grenzbeziehungen gewesen und veranstaltete sie auf ihre eigenen Kosten. Doch schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Bürgerschaft selber durch führende Männer und Vereinigungen öfter als Veranstalterin in den Vordergrund getreten. 1842 stifteten unverheiratete Bürger und Bürgersöhne eine eigene Grenzbeziehungsfahne, die zwei wilde Männer zeigte, die einen Grenzstein mit dem Hamelschen Wappen trugen. Nach dem Zurücktreten der Stadtverwaltung von der Finanzierung hätte der Grenzbeziehung der Untergang gedroht, wenn nicht wieder die Bürgerschaft eingesprungen wäre und nun auch die Finanzierung übernommen hätte. Zwei Jahre später hat dann der nach der Grenzbeziehung von 1930 konstituierte Grenzbeziehungsverein die Sorge für die Durchführung der Grenzbeziehungen übernommen und bis heute erfolgreich durchgestanden.

Obwohl die Grenzbeziehung seit 1717 aus den Bürgerpflichten herausgenommen war, haben Stadtverwaltung und Bürgerschaft sie nicht lediglich als eine Gelegenheit zum Feiern empfunden. Noch fast 250 Jahre hindurch hat man daran festgehalten, neben der allgemeinen Fröhlichkeit die Erinnerung an den einstmaligen Ernst der Grenzbeziehung zu pflegen und für Gegenwart und Zukunft noch Nutzen aus ihr zu ziehen. Die Teilnahme an der Grenzbeziehung blieb Ehrenpflicht für jeden guten Bürger der Stadt. In seltener Einmütigkeit verzichtete man hier auf das Herauskehren von Meinungs- und Standesunterschieden. Die alten Vorschriften genauester Grenzbeziehung und Grenzkontrolle, die durchaus noch nicht überflüssig geworden waren, wurden weiterhin beachtet. Beschädigte Grenzsteine wurden neu gerichtet; mutwillige Zerstörungen an den Grenzen und Grenzzeichen wurden protokolliert, und ihrer Entstehung wurde nachgeforscht. Eindrucksvolle Erlebnisse von früheren Grenzbeziehungen lebten wieder auf, und mancherlei Brauchtum trug dazu bei, die Grenzbeziehung nicht in Vergessenheit und Verfall geraten zu lassen.

 

 
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