Das Lager am Wehl

Kriegsgefangegnenlager

Kriegsgefangenen- , Internierten-, Heimkehrer- und Notwohnungslager von 1914 bis 1935

Kurz nach Ausbruch des 1.Weltkrieges war Hameln eine der ersten Städte im Deutschen Reich, wo ein Kriegsgefangenenlager errichtet wurde. Auf dem sogenannten großen Exerzierplatz am Hange über den heutigen Reimerdeskamp wurden hölzerne Baracken aufgebaut, in die zuerst gefangene Belgier und Franzosen, etwas später auch Engländer, einquartiert wurden. Für die Hamelner Bevölkerung war das Lager bald ein beliebtes Ziel für die sonntäglichen Spaziergänge. Eine Lagerzeitung in französischer Sprache berichtete über das Programm des Lagerorchesters und über den Spielplan der in Lager durchgeführten Fußballturniere. Diese, in Deutschland noch junge Sportart, wurde auf Anregung der englischen und schottischen Gefangenen im Lager mit Begeisterung gespielt.

Im Herbst 1914 kamen die ersten russischen Gefangenen in das Lager. Sie wurden von den anderen Gefangenen getrennt einquartiert, da unter ihnen Fälle von Cholera aufgetreten waren. Bald herrschte auch im Lager diese Infektionskrankheit und bei ungünstigen Wind war in der Stadt der von der Desinfizierung herrührende Chlorgeruch wahrzunehmen. In der Stadt Stadt musste das Trinkwasser abgekocht werden. Die Cholera forderte unter den häufig unterernährten russischen Soldaten zahlreichen Opfer. Im Gegensatz zu ihren englischen, französischen und belgischen Mitgefangenen erhielten die Russen über das Rote Kreuz keine Pakete aus der Heimat.

Im Jahre 1917 wurde von Geistlichen verschiedener Konfessionen der Lagerfriedhof am Wehl geweiht. Die Stätte war "in sehr würdiger Weise" mit einem weithin sichtbaren Gedächtnismal, einem Holzkreuz für gottesdienstliche Handlungen und mit Baumanpflanzungen ausgestaltet, als deutsche Offiziere, Vertreter der  Behörden und der Gefangenen den Friedhof einweihten. Von den bis zu 10 000 Gefangenen im Lager sollten zahlreiche Männer hier, fern der Heimat und von ihren Familien getrennt, ihre letzte Ruhe finden.

Im Lager konnten die Gefangenen über eigene Zahlungsmittel verfügen. Um ihnen aber die Möglichkeit zu nehmen, das an sie ausgegebene Geld auch außerhalb des Lagers auszugeben, wurde eigenes Lagergeld geschaffen. Doch bei gelegentlichen Stadturlaub einzelner Gefangener oder Gruppen nutzten diese das dazu, um Lebensmittel und Schnaps zu besorgen und selbstgefertigte Bekleidungsstücke zu verkaufen oder einzutauschen, obwohl dieses verboten war. Ebenso wie der Besuch öffentlicher Lokale, Kinos und Theater.

Die Zahl der Todesfälle im Lager war kurz vor Kriegsende stark angestiegen und erreichte im Januar 1919 mit 128 Toten ihren Höhepunkt und ging dann im März wieder deutlich zurück. Insgesamt mussten bis zur Auflösung des Internierungslagers im Jahre 1921 1000 Lagerinsassen auf dem Lagerfriedhof bestattet werden.

Monatliche Todesfälle seit Sommer 1918:

07 / 1918   :   23 Todesfälle      
08 / 1918   :   26 Todesfälle   
09 / 1918   :   12 Todesfälle   
10 / 1918   :   48 Todesfälle   
11 / 1918   :     6 Todesfälle      
12 / 1918   :   55 Todesfälle   
01 / 1919   : 128 Todesfälle      
02 / 1919   :   52 Todesfälle   
03 / 1919   :     6 Todesfälle
04 / 1919   :     7 Todesfälle   
05 / 1919   :     7 Todesfälle    
06 / 1919   :     6 Todesfälle   


Jährliche Gesamt Todesfälle :

1914           :   34 Todesfälle           
1915           :   83 Todesfälle     
1916           :   55 Todesfälle             
1917           : 217 Todesfälle      
1918           : 338 Todesfälle             
1919           : 221 Todesfälle      
1920           :   55 Todesfälle              
1921           :     4 Todesfälle

 

Der Friedhof am Wehl

Nach Rückführung der Gefangenen aus dem Weltkrieg, wurde im September 1920 wurde aus dem Gefangenenlager ein Internierungslager für Angehörige der Roten Armee. Im russisch-polnischen Krieg waren die bereits vor Warschau stehenden Sowjettruppen durch einen polnischen Angriff zum teilweise ungeordneten Ruckzug gezwungen, wodurch die 4. Armee der Heeresgruppe Tuchatschewskij abgeschnitten wurde und auf ostpreußisches Gebiet übertrat, um ihrer Vernichtung durch die Polen zu entgehen. Die deutsche Reichsregierung ließ daraufhin die Truppen in einer Reihe von Lagern internieren.

In Hameln trafen die ersten 1500 Internierten am 12.09.1920 ein. Vier Tage später belief sich ihre Zahl auf ca. 8000, darunter 28 Frauen und ein Kind, sowie 112 Zivilkommissare. Sie wurden zumeist pauschal als "Bolschewisten" bezeichnet, obwohl sich unter ihnen auch ehemalige Weißgardisten befanden, die nach ihrer Niederlage zum Übertritt in die Rote Armee gezwungen wurden. So ein Donkosakenregiment, das im Lager von den übrigen Internierten getrennt untergebracht war und angeblich dem "Bolschewistenterror" ausgesetzt war.

Ende November 1920 wurde die Hälfte der Internierten in das Lager Minden überführt. Ende April 1921 brachte man die restlichen Internierten in das Lager Altdamm, von wo sie in die Sowjetunion zurückgesandt wurden.

Noch im gleichen Jahr wurde im Juli das Gelände als Heimkehrerlager eingerichtet. Im Oktober 1921 waren schon 1500 Personen im Lager einquartiert, die zur Hälfte Grenzlandvertriebene aus Ostpreußen und zur anderen Hälfte Auslandsdeutsche aus Russland waren. Im April 1924 hatten die Hälfte der Insassen einen neuen Wohnsitz gefunden. Im Laufe des Jahres wurde das Lager von der Heeresverwaltung aufgelöst.

Danach übernahm die Stadt das mittlerweile marode Lager. Mit den noch intakten 30 bis 40 Wohnungen sollte die Wohnungsnot in Hameln gelindert werden und die landwirtschaftliche Fläche genutzt werden.

Das nunmehr als "Kolonie am Brössel" bezeichnete Lager wurde allmählich mit eigenen Mitteln so ausgebaut, dass 750 Menschen in der Siedlung untergebracht werden konnten.

Die Wohnungsnot in der Stadt wurde im Jahre 1927 noch größer und die Stadtverwaltung dachte daran, das Lager weiter auszubauen. Neben 30 zum Teil unterkellerten Wohnungen sollten 15 neue Toilettenanlagen, Kanalisation und eine Kläranlage geschaffen werden. Außerdem sollte eine Straßenbeleuchtung installiert werden.

1928 waren 137 Familien, 1929 141 Familien und 1931 164 Familien untergebracht. Im Oktober 1932 wurde die Verfügung erteilt das Lager so schnell wie möglich aufzulösen. So sank die Belegung von 146 Familien und 15 Obdachlosen im Jahre 1932 auf 93 Familien und 29 Obdachlosen 1934, um schließlich im Mai 1935 82 Familien und 23 Obdachlosen zu betragen. Bei der Auflösung des Lagers im Juni 1935 waren noch 78 Mieter vorhanden.

Danach nutzte die Wehrmacht das Areal als Übungsplatz im Rahmen der Erweiterung des als Exerzierplatz bezeichneten Geländes von 40 auf 219 Hektar (siehe auch "Das Militärgelände am Reimerdeskamp")

 
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