Die Hamelner Juden in der Zeit von 1933-1945

Die Hamelner Synagoge

1933-1935:
Unmittelbar nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 beginnen in Hameln scharfe Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte und Privatpersonen. Es gibt einen Brandanschlag auf die Synagoge, Fensterscheiben von jüdischen Geschäften werden zerschlagen, SA-Männer ziehen mit einem Galgen durch die Stadt und stellen ihn vor jüdischen Geschäften auf, jüdische Männer werden mit umgehängten Schildern durch die Straßen getrieben, vereinzelt kommt es zu Plünderungen. Höhepunkt ist der offizielle Boykotttag am 1. April, zu dem eine großformatige Anzeige in der DWZ erscheint, die insgesamt 29 jüdische Geschäftsleute, Ärzte und Rechtsanwälte mit Namen und Anschrift nennt.

Die Boykottaktionen sind mit dem 1. April 1933 nicht beendet, sondern gehen laufend weiter. Bürger werden beim Betreten jüdischer Geschäfte von Hitlerjungen fotografiert. Einen besonderen Höhepunkt erreichen die Boykottmaßnahmen noch einmal im Sommer 1935. Die Namen von "Judenfreunden" werden in den sogenannten Stürmerkästen veröffentlicht, von denen einer neben der Synagoge in der Bürenstraße steht, der andere gegenüber dem Rathaus. An verschiedenen Stellen der Stadt, u.a. auf dem Pferdemarkt, sind damals Schilder mit antijüdischen Parolen angebracht. Im April und Mai 1935 kommt es außerdem zu mehreren Anschlägen auf die Synagoge; Fenster werden eingeworfen, das Tor beschädigt.

Verantwortlich für diese besonders schlimmen Auswüchse des "Radauantisemitismus" in Hameln ist die Führung der Ortsgruppe der NSDAP Hameln. Männer wie Kalusche, Scheller, Teich und Melcher stehen für Fanatismus und Rohheit, für demonstratives Rabaukentum und gewollte Radikalität im Vorgehen gegen die Hamelner Juden.

Die Boykottmaßnahmen führen zu zahlreichen Firmenzusammenbrüchen und Vergleichsverfahren. Konkurse können mit Mühe abgewendet werden. Im Jahre 1935 sind von den 29 im Boykottaufruf genannten Firmen, Geschäften und Praxen gut zwei Drittel geschlossen bzw. verkauft. Berufsverbote (Entzug der Kassenzulassung und der Zulassung zu den Gerichten) treffen die jüdischen Ärzte und Rechtsanwälte der Stadt, von denen die Mehrzahl auswandert.

1935 gibt es nur noch wenige offene jüdische Ladengeschäfte in der Stadt. Manche, die ihr Geschäft haben aufgeben müssen, arbeiten nun als reisende Kaufleute, einzelne als Fabrikarbeiter. Jüdische Viehhändler betreiben ihre Geschäfte noch weiter, was den besonderen Zorn der Partei und des Oberbürgermeisters hervorruft. Insgesamt ist die ökonomische Lage der Hamelner Juden schlecht, und sie verschlechtert sich weiter von Jahr zu Jahr.

Auswanderungen sind in dieser frühen Phase des Nationalsozialismus eher selten. Die Hamelner jüdische Gemeinde rät von Auswanderungen ab. Es sind vor allem junge, häufig zionistisch orientierte Leute, die Deutschland verlassen. Die Mehrzahl der übrigen, die Hameln verlassen, geht in Großstädte, um dort die Anonymität und die vermeintliche Sicherheit der großen jüdischen Gemeinden zu suchen, vor allem nach Hannover.

 

Der Friedhof an der Scharnhorststraße wird ebenfalls zerstört, zahlreiche Grabsteine mit Spitzhacke in Splitter gehackt, die meisten Grabsteine umgeworfen (siehe auch "Der jüdische Friedhof von Hameln")

 

.Die beiden noch bestehenden jüdischen Geschäfte (Bernstein und Hammerschlag) werden geplündert; das Warenlager wird am folgenden Tage zugunsten der NSV beschlagnahmt. Beide Geschäfte werden anschließend geschlossen.

 

Zehn jüdische Männer werden in der Nacht verhaftet, teilweise vor die brennende Synagoge geführt, und dann über Hannover nach Buchenwald verschleppt. Dort stirbt Walter Katz. Der Arzt Dr. Siegmund Kratzenstein stirbt an den erlittenen Folterungen wenige Tage nach seiner Entlassung in Hameln. Ein Teil der Männer bleibt bis März 1939 in Buchenwald. Von den acht Hamelner Juden, die Buchenwald überleben, gelingt in der Folge nur drei Personen die Ausreise.

 

Nach dem 9. November 1938 erfasst die jüdischen Menschen der Stadt Panik. Es kommt zu verzweifelten Versuchen, die Auswanderung zu beschleunigen. Die Eheleute Max und Margarete Birnbaum, die 1937 ihre beiden Kinder ins Ausland geschickt hatten, werden bei dem Versuch, Devisen für die Auswanderung auf dem Schwarzen Markt zu beschaffen, verraten und verhaftet. Während der Untersuchungshaft nimmt sich Margarete Birnbaum das Leben, ihr Mann wird zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Vielen Menschen misslingt die Auswanderung. Ende Juni 1941 gelingt Emilie Frankenstein die Auswanderung über Marseille nach Palästina. Sie ist vermutlich die letzte jüdische Einwohnerin Hamelns, der die Auswanderung gelingt. 1939 leben noch 44 jüdische Menschen in der Stadt.

 

Besonders früh im Vergleich mit anderen Städten richtet die Stadt Hameln sog. Judenhäuser ein. Bereits im Oktober 1939 werden durch den städtischen Vermessungsrat Reiche zwei Häuser als Judenhäuser festgelegt (der große Wohnkomplex Neue Marktstraße 13/Hummenstraße 1 sowie das Haus Pferdemarkt 8). Sofort beginnen auf Anordnung von Reiche die ersten "Wohnungsumsetzungen". Im Sommer 1940 ist die Belegung der "Judenhäuser" im wesentlichen abgeschlossen.

 

Haus Neue Marktstraße 13

Anfang 1941 leben im "Judenhaus" Neue Marktstraße 17 jüdische Personen, im Haus Pferdemarkt 8 sind es 5 jüdische Frauen. Die Wohnverhältnisse sind durchweg sehr beengt. Viele der Menschen sind alleinstehend, häufig verwitwet. Die Mehrzahl der Bewohner ist alt. Von den 22 Menschen sind 16 älter als 60 Jahre. Nur 4 Männer sind darunter, von denen zwei, die im arbeitsfähigen Alter sind, Zwangsarbeit leisten müssen, nur ein Kind von 4 Jahren.

Die Einzelheiten über die Transporte aus Hameln liegen weitgehend im Dunkeln. Gesichert ist der "Alterstransport", der am 23. Juli 1942 aus Hannover Ahlem nach Theresienstadt abgeht. Die Transportliste umfasst 13 Namen aus Hameln sowie zwei aus dem benachbarten Hemeringen. Viele Indizien sprechen dafür, dass die vierzehn "arbeitsfähigen" Juden mit dem Transport vom 31. März 1942 nach Warschau verschleppt wurden.

Von den Menschen, die in das Ghetto Warschau deportiert wurden, gibt es keine weiteren Spuren mehr. Sie müssen sämtlich als verschollen gelten. Die alten jüdischen Menschen, die nach Theresienstadt deportiert werden, sterben zumeist an den unsäglichen Lebensbedingungen im Lager; fünf von ihnen müssen noch einen weiteren Weg in eines der Vernichtungslager antreten.

Aus Hameln sind damit siebenundzwanzig jüdische Personen deportiert worden.

Viele Hamelner Juden waren in die Großstädte gegangen, um dort im Schutze der Anonymität vermeintlich sicherer zu leben und jüdische Selbsthilfeeinrichtungen in Anspruch nehmen zu können. Besonders viele Hamelner Juden waren auch in die Niederlande emigriert. Sie alle werden ebenfalls deportiert. Insgesamt sind einhundertundeins Hamelner Jüdinnen und Juden deportiert worden und in der Deportation ums Leben gebracht worden.

1942-1945
Auch nach den Deportation leben weiterhin jüdische Menschen in der Stadt. Es handelt sich zumeist um Frauen, die in einer sog. Mischehe leben, und eine größere Anzahl von "Mischlingen ersten Grades". Mindestens fünf "Mischehen" sind verbürgt. Es handelt sich hier um einen Personenkreis, der sich häufig überhaupt nicht mehr als jüdisch versteht. Erst die Nürnberger Gesetze hatten die Männer und Frauen wieder zu Juden gemacht.

Diese Menschen sind einem hohen Druck ausgesetzt; sie müssen gegenüber den Behörden, die alle antijüdischen Maßnahmen auch auf diesen Personenkreis anwenden wollen, ständig um ihre Rechte kämpfen. Die arischen Ehepartner werden unter Druck gesetzt, sich scheiden zu lassen.

Im Februar 1945 sollen die jüdischen Teile aus Mischehen nach Theresienstadt deportiert werden. Auf der Transportliste finden sich sieben Namen jüdischer Frauen und Männer aus Hameln sowie fünf Namen aus dem Kreis Hameln-Pyrmont. In mehreren Fällen protestieren Angehörige erfolgreich gegen den Deportationsbefehl. Der Arzt Dr. Richard Klages nimmt eine jüdische Frau in seine Privatstation auf und macht sie durch Spritzen transportunfähig. Diejenigen, die tatsächlich deportiert werden (wie z.B. Robert Culp), kehren einige Monate nach der Befreiung des Lagers in ihre Heimatstadt Hameln zurück.

 

Quelle: B. Gelderblom , www.juedische-geschichte-hameln.de

 
Betreiber: Jörg Meyer | Webdesign/Typo3: SOL.Service Online, Hameln